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Pots

Kunstprojekt Pots in Kobane (Syrien) ::: 02.12. bis 21.12.2018 ::: Erste Reise, Begegnungen, Ausblick

Vorbereitungen


Als ich die Idee des Projekts «Pots» lancierte und im Emmental ein Wochenende mit ersten Versuchen mit Ton veranstaltete, war auch Özlem Yasar mit dabei. Für sie war die Arbeit mit Ton eine ganz neue Erfahrung, und sie hatte sogleich die Idee, dieses Projekt auch in Kobane umzusetzen. Özlem Yasar war im Sommer 2018 zum zweiten Mal in Kobane und erfuhr vom Bedürfnis der Menschen vor Ort nach einer Gedenkstätte innerhalb des vom Krieg gezeichneten Ruinengebiets. Wir beschlossen daher, das partizipative Kunstprojekt «Pots» in Kobane umzusetzen und nahmen Kontakt mit der dortigen Verwaltung auf, die von Anfang an begeistert war und uns zum Museumskomitee weiterleitete, damit wir gemeinsam die Vorbereitungen planen konnten.


In unserem Konzept stellt die partizipative Form der künstlerischen Aktion einen Schwerpunkt dar. Wir wollten mit den in Kobane lebenden Menschen und Kunstschaffenden partnerschaftlich am Projekt arbeiten. Basis des Projekts ist somit die interkulturelle Zusammenarbeit. Wir wollen den traumatischen Erfahrungen der im Kriegsgebiet lebenden Menschen ästhetische Erfahrungen entgegensetzen.


Wir möchten mit der Bevölkerung ihrer eigenen Kulturgeschichte nachgehen, ihr kulturelles Selbstverständnis stärken und es im Gestalten einfacher Tongefässe sinnlich erlebbar machen. Der partizipative, prozessuale Charakter der künstlerischen Aktion ist bewusst gewählt, um Spannungen zwischen den verschiedenen Ethnien (Kurden, Araber, Armenier und Turkmenen) zu überwinden. Das Material Ton erleichtert es uns, mit der Bevölkerung in eine nonverbale Kommunikation zu treten.


Begegnungen


Wir starteten das Projekt «Pots» mit einer ersten Reise nach Syrien, um in Kobane Kontakte zu knüpfen und in gemeinsamen Experimenten die Zusammenarbeit zu erproben. Özlem Yasar und ich reisten Anfang Dezember nach Sulaimaniyya (Irak).

Da die Reise weiter über Shengal (Irak) nach Kobane führte und Özlem auch Vorbereitungen für ihr geplantes Wasserprojekt tätigen wollte, machten wir dort für einige Tage Halt. Wir wurden von der einheimischen Verwaltung, die von der Idee eines Kulturprojekts in Kobane gehört hatte, kontaktiert und angefragt, ob wir uns vorstellen könnten, auch in dieser Region (Shengal) an kulturellen Projekten zu arbeiten, um der Erinnerung an den jesidischen Genozid visuellen Ausdruck zu verleihen.

Shingal und Kobane sind zwei geografisch getrennte Regionen. Dennoch weisen sie in vielerlei Hinsicht Parallelen auf: Beide Regionen erlebten den Einbruch des IS und das damit verbundene Drama und Grauen. An beiden Orten finden nun auch mehr oder weniger grosse Bemühungen im Wiederaufbau statt.

Dies war eine sehr grosse Ehre für uns, und wir wurde darin bestätigt, dass neben den notwendigen materiellen Aspekten die künstlerische Umsetzung für die Menschen in den Kriegsgebieten eine wichtige Rolle spielt.


Auf der Reise von Shengal nach Kobane wurden wir vom Journalisten Nazim Dastan begleitet. Nazim ist dank seiner journalistische Tätigkeit in Rojava gut vernetzt, und schon vor der Reise war er uns eine grosse Hilfe in der Projektvermittlung. In Kobane führten uns Sinan und Rohat, zwei Vertreter des Museumskomitees, durch das Areal der Gedenkstätte, deren Erinnerungspotential erhalten und weiterentwickelt werden soll.


Beim Zusammentreffen mit dem Museumskomitee wurden Kontakte zur einheimischen Bevölkerung vermittelt, die Kenntnisse über das heimische Tonvorkommen und im traditionellen Lehmbau besitzt. Mit einer Kerngruppe, zu der neben Nazim Dastan ein älterer Armenier (Georg) sowie weitere Bewohner Kobanes gehörten, wurden wir zum Dorf Cade gefahren.


Auf dem Weg trafen wir eine Gruppe von Männern, die uns zu einer Erosionsstelle an den Ufern des Euphrats führte, wo ein Tonvorkommen durch Erosion freigelegt war. Dadurch liess sich der Ton mit relativ geringem Aufwand heben. Wir erlebten das Graben und Bergen des Tons als einen sehr bereichernden Moment, bei dem wir uns rege austauschten. Beim Graben stiessen wir auf zwei Tonscherben aus vergangenen Zeiten.



Auf der Reise von Shengal nach Kobane wurden wir vom Journalisten Nazim Dastan begleitet. Nazim ist dank seiner journalistische Tätigkeit in Rojava gut vernetzt, und schon vor der Reise war er uns eine grosse Hilfe in der Projektvermittlung. In Kobane führten uns Sinan und Rohat, zwei Vertreter des Museumskomitees, durch das Areal der Gedenkstätte, deren Erinnerungspotential erhalten und weiterentwickelt werden soll.


Beim Zusammentreffen mit dem Museumskomitee wurden Kontakte zur einheimischen Bevölkerung vermittelt, die Kenntnisse über das heimische Tonvorkommen und im traditionellen Lehmbau besitzt. Mit einer Kerngruppe, zu der neben Nazim Dastan ein älterer Armenier (Georg) sowie weitere Bewohner Kobanes gehörten, wurden wir zum Dorf Cade gefahren.


Auf dem Weg trafen wir eine Gruppe von Männern, die uns zu einer Erosionsstelle an den Ufern des Euphrats führte, wo ein Tonvorkommen durch Erosion freigelegt war. Dadurch liess sich der Ton mit relativ geringem Aufwand heben. Wir erlebten das Graben und Bergen des Tons als einen sehr bereichernden Moment, bei dem wir uns rege austauschten. Beim Graben stiessen wir auf zwei Tonscherben aus vergangenen Zeiten.

Unsere Reise begann in Shengal. Wir erblickten eine weite Steppenlandschaft, aus der eindrucksvolle Bergketten herausragten. Im Vergleich zu Rojava sieht Shengals Gebirgslandschaft sehr karg aus. Wir haben in kürzester Zeit viele Menschen kennengelernt, mit denen wir uns lange und intensiv ausgetauscht haben, sowohl über die jesidische Kultur und Geschichte, als auch über das örtliche Handwerk, die Landwirtschaft und die prekäre ökonomische Lage.

Mit zwei verschiedenen Tonarten im Gepäck begaben wir uns zu einer alten aramäischen Kultstätte, die aus einer Begräbnisstätte und den Grundmauern einer Kirche besteht. Wir mussten leider feststellen, dass die Kultstätte seit dem letzten Besuch unserer Begleiter geplündert worden war. Dies schmerzte vor allem Georg, unseren armenischen Begleiter, da er christlichen Glaubens ist. Dieses Gebiet ist eines der ältesten Kulturwiegen, in der sich viele bedeutende archäologische Fundstätten befinden. Leider ist die Wertschätzung alter Kulturgüter in der Bevölkerung sehr gering, und Plünderungen werden von vielen als Möglichkeit gesehen, etwas für den Lebensunterhalt hinzuzuverdienen.


Als wir mit der eigentlichen Gestaltung mit Ton begannen, durften wir miterleben, wie die anfängliche Skepsis in einen konzentrierten Arbeitseifer überging und anschliessend gar in Euphorie mündete. Viele erinnerten sich an ihre Kindheit und erzählten Geschichten von ihren Müttern und Grossmüttern, die Tongefässe hergestellt hatten. Auch in den nächsten Tagen kamen immer wieder Leute vorbei, um mit Ton zu arbeiten. Dank des öffentlich zugänglichen Ateliers war es möglich, nach Belieben für die Tonarbeit zu uns zu stossen.

Am dritten Tag in Kobane trafen wir zum ersten Mal den Lehmbauer Achmet, mit dem sich eine eigentliche Freundschaft entwickeln sollte. Er führte uns in die Kunst des Lehmhausbaus ein und begleitete alle unsere kulturellen Ausflüge als Bausachverständiger für traditionelle Bauweise. Er beteiligte sich sehr rege an der Herstellung der Tongefässe, wodurch es zu einem intensiven Austausch kam. Wir vereinbarten weitere Zusammenarbeit für die Zukunft.


Auf der Heimreise trafen wir uns in Qamischli (Syrien) mit dem Kulturministerium, dem wir unser Projekt vorstellen durften. Die Kulturverantwortlichen waren begeistert und sicherten uns ihre Hilfe und Unterstützung zu. Auch der Kunstmaler Monir Sexhi – Mitglied des Kulturrates – freute sich sehr über den Austausch. Er wird «Pots» weiter in der Kulturszene in Qamischli unter den Kunstschaffenden bekannt machen, damit sich diese auch daran beteiligen.

Ausblick und weitere Projektideen


Wir planen nun eine zweite, längere Reise nach Syrien im Herbst. Da es während des Projekts zu vielen Wartezeiten während des Trocknens kommen wird und der Ort Kobane Raum für weitere Aktivitäten lässt, kam Oezlem Yasar im Austausch mit dem Theaterregisseur Sam Schwarz auf die Idee, ein Theaterprojekt zu integrieren. Sam, der mit der Theatergruppe ‚Digitalbühne‘ intensiv an Stücken von Brecht gearbeitet hatte, schlug das Stück «Die Gewehre der Frau Carrar» vor. Oezlem Yasar ist Brecht ebenfalls vertraut und sie sah die sich ergebenden Parallelen zwischen Kobane und dem Stück. Sie möchte eine Inszenierung mit einheimischen Laiendarstellern erarbeiten. Erste Kontakte mit der einheimischen Theatergruppe haben während des ersten Aufenthalts stattgefunden.

Für Kobane entstand ein weiterführender Plan, zusammen mit einheimischen Lehmbauern im Herbst 2019 einen Brennofen im Areal des Kultur- und Archivzentrums von Kobane aufzubauen. Diese Brennanlage könnte auch nach Ende des Projekts von der nahen Schule längerfristig genutzt werden. In Kobane gibt es im Moment keine eigene Keramikproduktion. Eine solche Initiative könnte jedoch eine Anregung dazu sein. Weiter will der Künstler Monhir Sekhi an unserem gemeinsamen Kunstevent eine Malaktion anleiten.


Ein Projekt, das wir nebst «Pots» gerne mit den Ortsansässigen umsetzen möchten, ist der Bau einer Gedenkstätte und Parkanlage für die Opfer des Genozids in Shengal. Eine Parkanlage soll dabei an das traditionelle Kulturlandschaftsbild anknüpfen und dem Ideal orientalischer Gärten entsprechen. Die Gedenkstätte soll ein Ort der Lebendigkeit inmitten von Ruinen sein. Sie soll der Erinnerung dienen und mit der Ästhetik ihrer Gestaltung kreative Kräfte wecken.

Wir besuchten Tempel, alte Steinbauten von Chaldäer oder Juden, studierten Maurerkunst und alte Lehmbauten, traditionelle Behausungen im Gebirge, Tempelbauten, sowie auch viele Gebäude in der Altstadt von Sindschar, die während den Kämpfen vollkommen zerstört wurde. Diese Bauten basieren hauptsächlich aus einem hellen Kalkstein.

Wichtig bei diesem Projekt ist wiederum der Einbezug einheimischer Fachkräfte und der Menschen vor Ort. So wird bereits in der Planungsphase mit der örtlichen Landwirtschaftskooperative zusammengearbeitet. Beim Bau der Gedenkstätte werden Elemente aus dem jesidischen Tempelbau adaptiert und in eine zeitgenössische Sprache übersetzt. Das Gebäude wird momentan mit dem Architekten Martin Sturm (Gertsch Museum in Burgdorf), in Langnau entworfen.

Einer Weiterführung des Projekts im Herbst steht nichts im Wege. Die Bereitschaft zum Austausch und der Zusammenarbeit ist in beiden Gebieten und Regionen sehr gross. Hilfreich war hierbei auch mein landwirtschaftlicher und alpwirtschafticher Hintergrund. Viele Kurden stammen aus landwirtschaftlichen Strukturen und schätzten diesen Bezug sehr. Dadurch hatten wir von Anfang an gemeinsame Themen wie etwa die Schafshaltung und die Milchwirtschaft.Einer Weiterführung des Projekts im Herbst steht nichts im Wege. Die Bereitschaft zum Austausch und der Zusammenarbeit ist in beiden Gebieten und Regionen sehr gross. Hilfreich war hierbei auch mein landwirtschaftlicher und alpwirtschafticher Hintergrund. Viele Kurden stammen aus landwirtschaftlichen Strukturen und schätzten diesen Bezug sehr. Dadurch hatten wir von Anfang an gemeinsame Themen wie etwa die Schafshaltung und die Milchwirtschaft.


Ein unberechenbarer Aspekt ist jedoch die Konfliktsituation in der Region und deren Entwicklung, die leider nicht absehbar ist. Hier vertrauen wir jedoch unseren Partnern in Kobane, mit denen wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben und in engem Kontakt stehen. Solange sie das Projekt wünschen und die Reise unterstützen können, werden wir reisen. Wir freuen uns, die Projektbeteiligten in Syrien wiederzusehen!


Projektorganisation Verein Mesela ::: Bericht Pots (PDF)